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Technologien gegen die Klimakrise: GWÖ-Salon vom 19.8.2021

Hamburg, 29.08.2021
     
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Wir alle sind gefordert

Schon mal was von Flugwindkraft oder recyceltem Hausbau gehört? Sind Kite-Drachen, die ein 400m langes Schiff ziehen, absurde Phantasterei? Und ist ein klimaneutraler Gebäudebau bis 2045 möglich? Wie sieht nachhaltiges Bauen eigentlich aus? Es geht um Fragen wie diese im GWÖ-Salon „Technologien gegen die Klimakrise“ am 19.8.2021. Über 40 Gäste lauschen den Erfahrungsberichten der Hamburger Unternehmer Stephan Wrage und Peter M. Friemert, die mit neuester Technik den Klimawandel bekämpfen wollen. Doch dabei auch mitunter feststellen, dass sie mit ihren Ideen ihrer Zeit voraus sind. Politik und Verwaltung treten den Erfahrungen der Unternehmer zufolge sowohl unterstützend als auch bremsend in Erscheinung. Da könnten auch wir ansetzen und Innovationsförderung bzw. Nichtbehinderung einfordern.

Mit „luftigem Jojo“ zu mehr Klimaschutz

Ein "luftiges Jojo“ statt eines Dieselgenerators zur Stromerzeugung? SkySails stellt unter Beweis, dass das funktioniert. Stephan Wrage, Geschäftsführer und Gründer von SkySails, versichert: „Meine Drachen, die den Wind in 200 bis 300 Meter Höhe abfangen, können mehr und gleichmäßiger Windenergie ernten.“ Dabei wird zur Windenergienutzung ein Seil auf- und abgerollt, ähnlich einem Jojo. Die Anlagen verbrauchen wenig Landfläche und Material, können gut recycelt werden und eignen sich besonders für kleine, dezentrale Netze wie Inseln, so Wrage. Das Ganze sei rasch auf Containergröße verpackt und vor Ort aufgebaut.

Zunächst entwickelte der Ingenieur und begeisterte Drachenflieger seine Kites für Containerschiffe. Doch damals (2008) war die Schifffahrtsbranche noch nicht reif für diese Idee. Zwar kann ein Schiff durch den Einsatz eines Drachens als zusätzlichem Antrieb – je nach Größe, Route etc. – bis zu 10 000 Liter Treibstoff pro Tag einsparen. Aber die Branche sei eher konservativ eingestellt und nur kurzzeitig interessiert gewesen, als das hochgiftige Schweröl infolge der Finanzkrise besonders teuer war. Inzwischen ist der Preis wieder gesunken und die gewünschten Amortisationszeiten von 3-4 Jahren einfach nicht darstellbar. Dabei seien die sieben bis acht Jahre, die bei heutigem Ölpreis realistisch seien, verglichen mit den 12-13 Jahren Amortisationszeit herkömmlicher Windparks, doch ganz ansehnlich, so Wrage. „Aber die Schifffahrt wurde ja auch viel zu lange kaum reguliert.“ Daher erweiterte der Unternehmer sein Angebot und stößt seit 2016 mit seinen Produkten zur Höhenwindnutzung in der Energiebranche auf offene Ohren. Ein „kleiner“ Kite an Land ersetzt leicht einen Dieselgenerator, ist innerhalb eines Tages aufgebaut und liefert 200kw/h Strom. Natürlich sind auch sehr viel größere Drachen möglich. Die Vorteile dieser neuen Form von Windenergienutzung liegen unter anderem in der höheren Ausbeute, da der Wind in der Höhe gleichmäßiger und stetiger weht, was zu weniger Schwankungen in der Erzeugung führt. Der notwendige Aufbau am Boden halte etwa 25 Jahre, während die Kites nach gut einem  Jahr gewechselt werden müssen. Daher arbeitet die Firma bereits an Nachnutzungskonzepten für die in vielerlei Hinsicht nach dem Einsatz als Flugkraftwerk noch nutzbaren Drachen.  

Wie geht nachhaltiges Bauen?

Auch Bauexperte Peter Friemert von ZEBAU, einer unabhängigen Netzwerkstelle in Norddeutschland für Bauherren, Planer und Kommunen, weiß um die Schwierigkeiten, gute Ideen umsetzen zu können. Im Bausektor gibt es unfassbar viele Facetten und Möglichkeiten, den Klimaschutz zu unterstützen. Bis 2045 will Deutschland Klimaneutralität erreicht haben. Das bedeutet im Gebäudesektor von 120 Millionen Tonnen CO2-Emissionen auf unter 67 Millionen Tonnen in nur neun Jahren zu kommen. Eine Herkulesaufgabe, die mit zwei Strategien angegangen werden könne: „Verbrauch senken“ und „Energieversorgung umrüsten“. Ersteres lässt sich leichter im Neubau, letzteres eher im Bereich der (denkmalgeschützten) Bestandsgebäude anwenden. So kann beim Neubau darauf geachtet werden, Baustoffe zu verwenden, die nicht so viel graue Energie verbrauchen. Lässt sich das Material wieder verwenden oder ergibt es am Ende nur schwer recyclebaren Bauschutt? Friemert verweist darauf, dass 52 Prozent des deutschen Mülls vom Abriss stammen und fragt, wie nachhaltiges Bauen eigentlich aussehen sollte. Muss überhaupt abgerissen werden oder kann der Rohbau weiter verwendet werden? Es fällt das Stichwort modulare Bauweise. Können wir mehr energetisch neutrale Häuser bauen bzw. solche, die einen Energieüberschuss abwerfen, von dem man noch das E-Auto laden und Strom ins Netz einfließen lassen kann? – In Berlin steht seit zehn Jahren ein solches auch in der Praxis erprobtes Haus, das ZEBAU realisiert hat.

Deutlich schwieriger ist Klimaschutz im Bereich der Bestandsgebäude. Denn wie können Hauseigentümer*innen für energetische Sanierungen begeistert werden und wie läuft das ganze sozial gerecht ab, sprich nicht auf Kosten der Mieter? In Hamburg helfen die „Energielotsen“, eine Kooperation von Verbraucherzentrale und Handwerkskammer, koordiniert von ZEBAU, mit finanzieller Unterstützung der Hansestadt, Gebäudeeigner*innen mit kostenfreier, energetischer Beratung. Natürlich geht es auch hier um eine Mischung aus fördern (Anreize mittels Zuschüsse) und fordern (Gesetze, wie zum Beispiel zu neuen Heizungsanlagen).

Was jetzt zu tun ist

Beide Referenten sind der Ansicht, dass es eines Zusammenrückens, eines Bündelns der Kräfte und gemeinsamen Anpackens dringend bedarf. Denn wir steuern zurzeit auf eine Erderwärmung von drei Grad in 2050 zu. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die viel Mut erfordere.  „Es ist eine gesellschaftliche Verpflichtung sich mit diesen Themen zu beschäftigen“, appelliert Friemert an jeden Einzelnen und spricht Klartext: „Natürlich wird es uns alle Geld kosten.“ „Die Flutschäden, verursacht durch den Starkregen an zwei Tagen im Juli, belaufen sich auf mehr als 13 Milliarden Euro allein in NRW“, fügt Moderatorin Hanna Naoumis, Politik- und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin, hinzu: „Nichts ist so teuer wie kein Klimaschutz.“

 

Unser Dank für diese gelungene Veranstaltung gilt den Organisatorinnen Lenja Rother und Christina Holst von der GWÖ Hamburg, die bereits zum nächsten GWÖ-Salon am 21.10. einladen. Diesmal mit dem Thema „Klimawandel und Gesundheitswesen“. Vorher möchten wir aber noch auf unsere Bundestagswahlveranstaltung am 9.09.2021 um 19 Uhr hinweisen, die zusammen mit German Zero online stattfindet. Auf ein persönliches Treffen freuen wir uns am GWÖ-Stand auf der Green World Tour am 25.&26.9. im Rahmen der Hamburger Klimawoche.

 

Ein großes Dankeschön an Meike Pudlatz für diesen Bericht.