Hamburg

Kooperation im Kapitalismus - 4 Lektionen aus dem GWÖ-Salon vom 15.04.21

Hamburg, 01.05.2021
     
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Unser Nachbericht

Kooperationen sind allgegenwärtig, werden aber unterschiedlich gelebt. Die Wirtschaft sieht ihren Sinn meist im Sichern eines Wettbewerbsvorteils. Doch der Vorteil des einen, ist der Nachteil eines anderen, wie Jutta Hieronymus, Vorstandsmitglied der Gemeinwohl-Ökonomie scharf analysiert. Dass das nicht so sein muss, verraten die drei Hamburger Podiumsgäste im virtuellen GWÖ-Salon vom 15.4.2021, der von Lisa Buddemeier moderiert wird. Über 100 Zuhörer*innen, von Kiel bis Wien, haben sich dazu geschaltet, um zu erfahren: „Kooperation im Kapitalismus“ – wie geht das eigentlich nachhaltig.

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Von Kiel bis Wien schalten die rund 100 Zuhörer*innen in den GWÖ Online-Salon.

Lektion 1: Ein Wertegewinn für alle

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Von links oben: Moderatorin Lisa Buddemeier, Nico Czaja (Warenwirtschaft), Sebastian Hecklismüller (Naturkost Nord) , Mimi Sewalski (Avocadostore)

Für Sebastian Hecklismüller, Vertriebs- und Einkaufsleiter bei Naturkost Nord, ist der Wertegewinn ein zentraler Aspekt: „Eine gute Kooperation macht auf jeden Fall mal Spaß und zwar allen Beteiligten. Dadurch entsteht ein Wert, der viel wichtiger ist als der Gewinn. Natürlich spielt der Ertrag eine Rolle, doch es sollte auch ein Wertegewinn entstehen. Weil es Spaß macht, seine Zeit miteinander zu verbringen und zusammen ein Geschäft zu tätigen, von dem alle nachher etwas haben. Auch der Endverbraucher.“ Sein Fokus liegt darauf, gemeinsam Lösungen für schwierige Situationen zu finden: „Wenn der Markt einbricht, müssen wir unsere Hersteller fragen, wo liegen die Erzeugungskosten, was brauchst Du, damit Du glücklich bist? Unser Verkauf hat dann die Aufgabe den Kund*innen zu erklären, warum wir vielleicht nicht immer die Billigsten sind.“

Bei Nico Czaja von der Warenwirtschaft ist Kooperation ein Teil der Geschäfts-DNA: „Wir sind ein Kollektiv und haben unseren Laden in Altona vor zwölf Jahren zu fünft gegründet. Wir besitzen und entscheiden alles gemeinsam. Wir putzen alle das Klo und machen alle die Geschäftsführungsaufgaben. Natürlich gibt es Kompetenzen und Zuständigkeiten, aber im Grunde sind wir alle gleichberechtigt. Wir sind Freunde, auch nach zwölf Jahren.“ Am Anfang stand die Idee wirtschaftlich etwas gemeinsam machen zu wollen, das ethisch vertretbar und krisensicher ist. „Da landet man ziemlich schnell bei Biolebensmitteln.“ Die Warenwirtschaft wird über Mitgliedsbeiträge finanziert. „90 Prozent unserer Einnahmen machen wir über unsere Stammkundschaft. Da besteht ein gewisser Strukturzwang zur freundlichen Kooperation. Weil man sich so häufig sieht.“

Für Mimi Sewalski, Geschäftsführerin vom Avocadostore und Autorin des Buchs „Nachhaltig leben jetzt!“, geht es bei guter Kooperationen um ein Zusammenwirken, weil etwas alleine nicht zu schaffen ist: „Wir sahen damals, dass viele nachhaltige Ideen und Marken offline entstanden, die aber ihre Zielgruppe nicht gut erreichten. Da hatten wir die Idee eine Online-Plattform zu gründen, wo alle ihre Sachen verkaufen können. Denn wir konnten Online, andere konnten Nachhaltigkeit. Und so arbeiten und wirken wir da zusammen.“

Lektion 2: Kooperation ist mehr als Preisverhandlungen

Bei Kooperationen geht es nicht immer nur ums Geld verdienen. Nico Czaja erzählt: „Als wir damals unser neues Konzept bei Naturkost Nord vorstellten, wurden wir total „gegrillt“. So könnt Ihr das nicht machen, haben sie gesagt.“ Czaja und seine Freund*innen hatten keine kaufmännische Erfahrung oder Qualifikation und fanden die Hinweise, die sie damals kostenlos erhielten, sehr nützlich. „Wir sind an Naturkost Nord total gewachsen. Das war hilfreich und ist es bis heute.“ Auch Mimi Sewalski macht Kooperationen, an denen sie nicht viel verdient. Oft stehen da gemeinsame Werte im Vordergrund, die sie vorantreiben wollen. „Wir hatten mal eine Kooperation mit einem tollen nachhaltigen, fairen Unterwäschehersteller, der das Online-Branding noch nicht so drauf hatte.“ Heraus kam die „Fair to myself“-Unterwäsche-Kollektion , die Frauen dazu ermutigen sollte, nicht so kritisch mit ihrem Köper umzugehen. Sewalski sagt: „Da haben wir beide nicht viel dran verdient. Die Einnahmen haben wir an Projekte gespendet, die das Selbstbewusstsein von Mädchen stärken. Uns ging es mehr um die Markenbekanntheit, eine Reichweite und das Thema.“

Die Sache voran bringen will auch Nico Czaja, wenn er seine eigene Konkurrenz fördert und kostenlos teilt, was andere als teures Betriebsgeheimnis sorgsam hüten. „Wir haben einen Mitgliederaufnahmestopp. Das verstehen viele nicht. Besonders weil wir theoretisch auch noch mehr Mitglieder aufnehmen könnten. Manche Interessierte ermutigen wir dann, einen eigenen Laden aufzumachen.“ Bei ehrlichem Interesse leistet das Kollektiv hier kostenlose Hilfestellung. „Schließlich haben wir selbst anfangs Hilfe von einem Laden in Marburg erhalten, der uns ein Vorbild war.“

Lektion 3: Grenzenloses Wachstum ist nicht das Ziel

Konkurrenz ist für Czaja kein Thema: „Wenn wir wachsen wollten, müssten wir einen weiteren Laden und mehr Leute hinzunehmen. Das wollen wir nicht. Wir wollen im kleinen Team arbeiten und einen unmittelbaren Kontakt zu unseren Kund*innen haben. Wir haben unser Gleichgewicht erreicht und verspüren keinen Anreiz zu wachsen.“

Bei Sebastian Hecklismüller von Naturkost Nord klopft der Haifisch-Kapitalismus hingegen schon häufiger an die Tür. „Es ist oft ein Spagat: wir müssen Erträge erwirtschaften, um einer guten Sache zu dienen. Wie tief gehe ich runter in den Spagat? Welche Werte kann ich deutlich machen und werden die vom Markt auch gesehen?“ Wer Lust hat, die Bio-Idee nach vorne zu bringen, mit denen kooperiert er auch. „Wenn die Konkurrenz anruft und fragt, hast Du noch Tomaten und ich hab noch genug, dann gebe ich welche ab, weil ich ihn mag und er mir auch oft geholfen hat. Wenn ich sogar für meine Kund*innen zu wenig habe, endet meine Kooperationsbereitschaft mit den Mitbewerber*innen.“

Mimi Sewalski sieht auch in Kooperationen mit nicht offensichtlich Gleichgesinnten einen Nutzen: „Wir kooperieren mit Otto und Tchibo. Persönlich kaufe ich da nicht. Doch in einem Forschungsprojekt zum Thema Mehrwegverpackung im Online-Versand haben wir voneinander profitiert. Die Großen konnten Türen öffnen, die wir nicht öffnen können. Dafür konnten wir Dinge ausprobieren, weil wir kleiner und agiler sind, die sie nicht ausprobieren können.“ Kooperationswünsche einer großen Modekette hingegen lehnte Sewalski nach genauer Prüfung ab: „Die waren noch nicht so weit.“

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Von links oben: Lisa Buddemeier (Moderation), Nico Czaja (Warenwirtschaft), Sebastian Hecklismüller (Naturkost Nord) , Mimi Sewalski (Avocadostore), Christina Holst (GWÖ Hamburg), Lenja Rother (GWÖ Hamburg), Jutta Hieronymus (GWÖ Deutschland e.V.)

Lektion 4: Kooperation auf gemeinsamer Wertebasis

Gute Kooperationen, so viel ist am Ende klar, sind auch im Kapitalismus möglich. Da spielt eine gemeinsame Wertebasis eine große Rolle. Die spiegelt sich auch in der Gemeinwohl-Bilanzierung, erläutert Jutta Hieronymus: „Wie fair, nachhaltig, gerecht und solidarisch gehen Unternehmen mit anderen Unternehmen und Mitarbeiter*innen um. Das ist ganz wichtig.“ Mimi Sewalski meint, heutzutage müssen Ökologie und Ökonomie zusammen gedacht werden: „Man muss nicht entweder Grün oder Kapitalist sein. Für mich ist beides möglich.“ Ihren Studierenden der Nachhaltigkeit sagt sie “There is no social business without business“, den BWL-Studierenden hingegen ”There is no business without social business". Wenn Zalando nur noch nachhaltige Mode verkauft, so Sewalski, dann würde sie ihren Store gern zu machen. Schließlich hätte sie dann ihr Ziel erreicht: „Doch zurzeit sind es ja bloß 20 Prozent. Und das reicht nicht.“ Nico Czaja zieht den Schluss: „Eigentlich müsste die Bio-Branche an ihrer eigenen Abschaffung arbeiten. Wir wollen ja, dass alle nachhaltig sind.“

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